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Warum wir Günter umbringen wollten- Lektuere- Hermann Schulz

Warum wir Günter umbringen wollten
Autor: Hermann Schulz
Kurze Zusammenfassung:
Freddys Eltern kommen mit ihrem Sohn gar nicht mehr zurecht – sie wollen ihn erst in das gestrenge Internat einer Missionsgesellschaft stecken, doch schließlich wird er von seinem Onkel und seiner Tante auf deren Bauernhof südlich von Lüneburg aufgenommen. Dem Jungen tut die Arbeit an der frischen Luft gut, sein flegelhaftes Verhalten verliert er dort fast ganz. Freunde findet er in dem Dorf auch bald.

Im Jahr 1947 ziehen nach wie vor viele Flüchtlinge durch Deutschland und müssen aufgenommen werden. So kommt Günter, ein seltsamer Junge, neu in Freddys Schule. Seine Mitschüler halten Günter für bekloppt, denn ständig läuft ihm Rotz aus der Nase, er redet kaum und verhält sich merkwürdig.

Für Freddy und seine Freundesclique – ihr Anführer heißt Leonhard – ist Günter ein ideales Opfer. Wo immer es geht, lassen sie ihn spüren, dass sie ihn für dumm halten und spielen ihm übel mit. Eines Tages stecken sie Günter unter eine umgekippte schwere Eisen-Lore, die beim Torfabbau verwendet wird, und bewerfen diese mit Steinen. Der Lärm unter der Lore ist kaum auszuhalten, und als Günter schließlich herauskommt, ist er vollends verstört.

Doch Freddy und seine Freunde bekommen Angst: Was ist, wenn Günter sie verpetzt? Dass Günter von anderen Jungen gequält wurde, hat im Dorf bereits die Runde gemacht – bisher hat Günter aber nicht preisgegeben, wer die Täter waren. Die Jungen wissen sich nicht zu helfen, bis Leonhard eine radikale Idee hat: Sie müssen Günter töten, damit er sie nicht verraten kann.

 Bewertung:
„Warum wir Günter umbringen wollten“ ist ein ziemlich heftiges Buch, denn es erzählt davon, wie ein Junge von anderen systematisch und auf üble Art und Weise gequält (heute würde man sagen: „gemobbt“) wird. Wer sich in die Geschichte hineinbegibt, den lässt das Szenario spätestens ab der Mitte des Buches, als der Plan aufkommt, Günter umzubringen, nicht mehr los. Es tut fast weh, den Fortgang der Geschichte weiterzuverfolgen.

Doch auch in der ersten Hälfte des Buchs erzählt Hermann Schulz eine stimmige, wenn auch etwas weniger temporeiche Geschichte. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird ziemlich beängstigend beschrieben: Die Dörfer werden von Flüchtlingen aufgesucht, denen die Menschen nur begrenzt trauen, außerdem kehren unbekannte Männer – völlig am Ende und verschroben wie versehrt – aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Auch die Kinder und Jugendlichen, die in der Zeit aufwachsen, scheinen nicht gerade zartbesaitet zu sein: Leonhard zum Beispiel wird als ein Junge mit großer Wut im Bauch beschrieben, der ständig für Aufregung und Schrecken sorgt. Ihm droht, sollte Günter ihn verpetzen, eine Erziehungsanstalt; und auch Freddy hat Angst, dass er den Bauernhof von Onkel und Tante verlassen muss.

Hermann Schulz gelingt es in seinem Buch sehr gut, diese schwierige Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges einzufangen. Unter einer unbeschwerten Kindheit stellt man sich jedenfalls etwas anderes vor – auch wenn Freddy, der Erzähler, froh darüber ist, dass er bei Tante und Onkel untergekommen ist und sich glücklicher als zuvor bei seinen Eltern fühlt.

Erzählt wird die Geschichte stringent von Anfang bis zum Ende, ohne Zeitsprünge oder Perspektivenwechsel. „Warum wir Günter umbringen wollten“ könnte man somit als im positiven Sinn altmodisches Buch charakterisieren, das sich auf das Wesentliche konzentriert und dramaturgisch geschickt aufgebaut ist. Dass Freddy irgendwann Günter auch alleine begegnet und feststellt, dass der Junge nicht so dumm ist, wie alle meinen, sondern durchaus intelligent, ja, sympathisch, vergrößert Freddys Gewissensnot. Einerseits will er bei seinen Freunden anerkannt bleiben, andererseits weiß er genau, dass das, was die Jungen vorhaben, nicht richtig ist. Auch für den Leser wird die Geschichte dadurch drängender.

Illustriert wurde „Warum wir Günter umbringen wollten“ von Maria Luisa Witte, und letztendlich passen die eher farbarmen und düster gehaltenen Bilder mit ihren dicken Pinselstrichen gut zur Geschichte. Immer wieder sind in den Text auf Doppelseiten Illustrationen eingestreut – was einen da erwartet, zeigt das Titelcover ganz gut … Trotz der Passung zwischen Text und Illustration: Mir persönlich gefällt dieser Illustrationsstil nur begrenzt. Wie soll ich es ausdrücken? Ich finde ihn etwas altmodisch und hausbacken, und ich fürchte, Kindern und Jugendlichen geht das nicht anders.