Nebel im August - Robert Domes lektüre

Nebel im August
Autor: Robert Domes
Kurze Zusammenfassung
Ernest ist mit vier Jahren der älteste Sohn von Christian und Anna Lossa, seine beiden jüngeren Schwestern werden Nanna (Anna) und Malchen (Amalie) genannt. Die Lossas sind nicht sesshaft, sondern ziehen mit ihrem Wagen von einem Ort zum anderen. Sie gehören zu den so genannten Jenischen, einem Volk, das ähnlich wie die Zigeuner keinen festen Wohnsitz hat. Im Dritten Reich sind die Jenischen (genauso wie die Zigeuner) jedoch nur geduldet und werden von den Behörden beobachtet und nicht gerade gut behandelt.
Ernsts Mutter ist wieder schwanger – doch es geht ihr nicht gut. Sie hustet ständig herum und fühlt sich schwach. Zur Geburt zieht die Familie nach Augsburg und sucht sich eine kleine, schäbige Wohnung, denn ohne festen Wohnort würden die Lossas nach der Geburt bei den Behörden große Schwierigkeiten bekommen. Das vierte Kind wird geboren – doch auch Christian, wie der Sohn genannt wird, ist schwächlich. Schließlich holt eine Nachbarin den Doktor und dieser attestiert Ernsts Mutter eine Fallschwindsucht, die sofort in einem Krankenhaus behandelt gehört. Da Christians Vater zum Geldverdienen schon wieder unterwegs ist und außerdem kein Geld verhanden ist, werden Ernst, Malchen und Nanna schließlich von den Behörden in Kinderheime gesteckt. Die Mutter und auch der kleine Christian sterben kurz darauf, und da der Vater nicht für seine Kinder sorgen kann, bleiben diese in den Kinderheimen.
Für Ernst ist das eine schlimme Zeit: Zunächst wird er von den größeren Kindern im Heim schikaniert, als er sich schließlich zu wehren beginnt, kriegt er Schwierigkeiten mit den Pflegern und der Heimleitung, die ihm mit großen Vorurteilen begegnen und ihn auch vieler Dinge bezichtigen, die er nicht getan hat. Und so wird er schließlich als “unerziehbar” weitergeschoben in ein Heim für Schwererziehbare, wo alles wieder von vorne beginnt. Doch auch dieses Heim ist noch nicht die letzte Station.

Bewertung:
Es ist schwer, ein Buch zu beurteilen, das man eben erst ziemlich schockiert aus der Hand gelegt hat – denn dass die Geschichte um Ernst Lossa nicht gut ausgeht, war zu erwarten. Auch wenn bekannt ist, welche Verbrechen im Dritten Reich an Juden, Zigeunern, an psychisch Kranken und anderen Menschen verübt wurden, so legt man dieses Buch, das die Euthanasie an einem schwer erziehbaren Jungen so eindrücklich vor einem ausbreitet, nicht einfach nur zur Seite wie manch anderes Jugendbuch.
Robert Domes hat mit “Nebel im August” ein Buch über ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte geschrieben. Der Autor hat dafür fast fünf Jahre recherchiert, mit Überlebenden gesprochen, Archive durchgekämmt – sein Ziel war es, möglichst nah an der Wirklichkeit zu bleiben. Dass er dies sehr transparent tut und in einem Nachwort genau erklärt, was er selbst ausgeschmückt und verändert hat (z.B. die Namen einiger Personen), ist besonders hervorzuheben.
Trotzdem: Eine kleine Schwäche hat für mich das Buch. Einerseits ist es lobenswert, wenn man ein Buch so nah an die Wirklichkeit anlehnt, andererseits war es für meinen Geschmack jedoch so, dass gerade der Anfang des Buches etwas gewöhnungsbedürftig war. Die Geschichte ist schon sehr nüchtern erzählt und ein bisschen mehr Ausschmückung, gerade was die Gefühle von Ernst angeht, hätte ich mir doch gewünscht. Ein richtig literarische Kraft, wie ich sie mir von einem guten Buch erwarte, entfaltet “Nebel im August” leider zu selten.
Man kann das dem Buch wohl nicht ernsthaft vorwerfen – denn es geht eben darum, alles authentisch zu beschreiben. Und dennoch: Von der literarischen Seite her fehlt mir in dem Lebensbericht über Ernst Lossa ein bisschen Zugkraft, die das Buch über das schlimme Schicksal Ernst Lossas hinaus interessant und spannend macht.

Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums - Salah Naoura -Lektüre

Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums
Autor: Salah Naoura
 
Kurze Zusammenfassung:
Das Schlamassel ist groß: Der 11-jährige Matti, sein jüngerer Bruder Sami und seine beiden Eltern stehen mit viel Gepäck und ohne Auto mitten in der finnischen Pampa an einem See. Die Eltern zetern und schimpfen vor allem auf Matti ein, der ihrer Meinung nach daran Schuld ist, dass sie in einer so misslichen Lage stecken. Wie es dazu kommen konnte, ist eine längere Geschichte, und sie wird in „Matti und Sami“ erzählt.

Komfortabel hat es die Familie in Deutschland nicht. Sie lebt beengt in einer Hochhauswohnung und Geld ist nur wenig vorhanden. Mattis Vater, der Finne ist, arbeitet als Busfahrer und vergräbt sich gerne in seinem Arbeitszimmer, um Handyspiele zu programmieren. Der Traum, damit Geld zu verdienen, liegt jedoch in weiter Ferne. Mattis Mutter ist auch nicht gerade glücklich: Sie jobbt in einer Arztpraxis und kommt mit ihrem Chef überhaupt nicht aus.

Als der Bruder von Mattis Vater nach Deutschland kommt, gibt es ein feuchtfröhliches Fest. Mattis sonst eher wortkarger Vater wird nach der dritten Schnapsrunde redselig und verrät, nachdem sein Bruder damit angegeben hat, dass er bald eine Holzfirma übernehmen wird, der Familie ein bis dahin gut gehütetes Geheimnis: Eine Schweizer Firma will ihn wegen seiner Handyspiele anstellen, ein Haus am See wird der Familie gestellt. Für Matti und Sami geht ein Traum in Erfüllung: endlich Platz in der Bude, jeder ein eigenes Zimmer, ein eigenes Boot am See … Doch der Traum vom schönen Leben hat nicht lange Bestand.

Bewertung:

Ich nehme es mal gleich vorweg: „Matti und Sami“ ist wirklich ein unterhaltsames Buch, das 9- oder 10-Jährige, aber auch Erwachsene ziemlich schnell ausgelesen haben dürften. Die Geschichte hat einfach alles, was ein packendes Buch für Kinder ausmacht.

Das geht schon los mit dem wahnwitzigen Einstieg: Mit Koffern steht die Familie in der finnischen Landschaft und weiß nicht, wie sie wegkommen soll. Salah Noura hat nach diesem Beginn gleich alle Sympathien des Lesers auf seiner Seite, und es ist geschickt, dass er die Auflösung, wie es dazu kommen konnte, erst recht spät in dem Buch präsentiert. Bis dahin wird die Geschichte von vorne aufgerollt.

Man könnte einen Abfall des Spannungsbogens zwischen dem Anfang und dem Ende befürchten – aber wegen der liebenswürdigen Erzählweise kommt eigentlich nie Langeweile auf, und das liegt vor allem auch an den Figuren des Buches. Sie alle haben eine ordentliche Portion Gefühle in ihrem Bauch: Mattis Mutter Wut auf alles Mögliche, sein Vater, der sich hinter seiner Sprachlosigkeit verschanzt, versteckte Träume, Matti und Sami selbst schlingern hin und her gerissen zwischen Enttäuschung und Begeisterung mehr oder weniger unbeschwert durchs Leben. Die Figurenzeichnung stimmt – bis zu den Randfiguren hin: Mattis Onkel Kurt, ein Taxifahrer, z. B. ist ein herzensguter Mensch, für Matti so etwas wie ein Sorgenonkel in der Not. Und der finnische Onkel und seine Frau, die Mattis Familie besuchen, sind auch nicht unbedingt von schlechten Eltern.

Das Buch lebt außerdem von vielen skurrilen Ideen, die Salah Naoura geschickt an den Mann bringt. Wer sich da über den Delphin auf dem Buchcover wundert, der muss das Buch schon selbst lesen. Denn das ist auch eine gelungene Episode, deren Auflösung dem Leser ein längeres Schmunzeln auf die Lippen zaubert.

Im Reich des Goldenen Drachen - Isabel Allende Lektüre

Im Reich des Goldenen Drachen
Autor: Isabel Allende
Kurze Zusammenfassung:
Alex will unbedingt die Sommerferien wieder bei seiner Oma, die nur Kate genannt werden will, verbringen, denn die letztjährige Reise mit Kate an den Amazonas war das größte Abenteuer seines bisherigen Lebens gewesen. Und Oma Kate weiß auch schon, wo sie diesmal hinreisen will: in den Himalaja, um im Verbotenen Reich nach einem sagenumworbenen Schatz, dem Goldenen Drachen, zu suchen. Die heilige Drachenfigur ist nicht nur unglaublich wertvoll mit ihren vielen Edelsteinen, sondern steht auch im Ruf, die Zukunft vorhersagen zu können. Bevor der Flug ins Verbotene Reich beginnt, überrascht Kate ihren Enkel Alex damit, dass sie auch Nadja (Alex’ Reisegefährtin vom Amazonas-Abenteuer) einfliegen hat lassen – und gemeinsam brechen sie zur Reise in den Himalaja auf.
Doch nicht nur Kate ist hinter dem Goldenen Drachen her, der zweitreichste Mann der Welt hat den so genannten “Spezialisten” darauf angesetzt, ihm die gut versteckte Drachenfigur zu besorgen. Der “Spezialist” – eine Art Verbrecherkönig, dessen Missionen zwar fast unbezahlbar sind, dafür aber bisher noch nie fehlgeschlagen sind – hat den Amerikaner Tex Gürteltier angeheuert, um die Drachenstatue zu stehlen. Schon im Flugzeug macht Alex die Bekanntschaft von Tex Gürteltier, und auf Alex wirkt der Amerikaner von Anfang an unheimlich – aber da ahnen beide noch nicht, dass sie alle auf der Suche nach dem Goldenen Drachen sind.
Im Verbotenen Reich angekommen ereignen sich schon bald seltsame Dinge. Denn es tauchen die so genannten Blauen Krieger, blutrünstige und hoch gefährliche Kämpfer, in der Hauptstadt des Königreiches auf. Kurz darauf verschwinden Nadja und vier weitere Mädchen spurlos. Und während im ganzen Reich nach den Verschollenen gesucht wird, fehlt auf einmal vom König jeder Spur. Da ahnen schon alle, dass auch der Goldene Drachen, zu dem nur der König Zugang hat, gestohlen sein dürfte – obwohl er in einem eigentlich unüberwindbaren Labyrinth mit Hunderten von Fallen gesichert war. Für Alex und Kate beginnt eine schwierige Zeit, denn sie fürchten, dass Nadja etwas zugestoßen sein könnte. Alex macht sich schließlich alleine auf den Weg, um seine Freundin zu suchen, und begegnet dabei u.a. dem buddhistischen Mönch Tensing und dem Prinzen des Reiches, die ihm bei der schwierigen Mission zur Seite stehe.
Bewertung:
War “Die Stadt der wilden Götter” schon ein tolles Buch, so übertrifft Allendes neuer Abenteuerroman das Erstlingswerk meiner Meinung nach eindeutig. “Im Reich des Verbotenen Drachen” ist noch spannender als das erste Abenteuer von Nadja und Alex. Das liegt vor allem daran, dass Isabel Allende diesmal über Alex, Nadja und Kate hinaus mit dem buddhistischen Mönch Tensing und seinem Schüler, dem Prinzen Dil Bahadur, zwei besonders interessante Figuren geschaffen hat. Außerdem nimmt das Buch kurz vor Ende eine unerwartete Wendung, was einer Geschichte immer gut tut. Und wie immer hat Allende alles flüssig lesbar geschrieben. 

Warum wir Günter umbringen wollten- Lektuere- Hermann Schulz

Warum wir Günter umbringen wollten
Autor: Hermann Schulz
Kurze Zusammenfassung:
Freddys Eltern kommen mit ihrem Sohn gar nicht mehr zurecht – sie wollen ihn erst in das gestrenge Internat einer Missionsgesellschaft stecken, doch schließlich wird er von seinem Onkel und seiner Tante auf deren Bauernhof südlich von Lüneburg aufgenommen. Dem Jungen tut die Arbeit an der frischen Luft gut, sein flegelhaftes Verhalten verliert er dort fast ganz. Freunde findet er in dem Dorf auch bald.

Im Jahr 1947 ziehen nach wie vor viele Flüchtlinge durch Deutschland und müssen aufgenommen werden. So kommt Günter, ein seltsamer Junge, neu in Freddys Schule. Seine Mitschüler halten Günter für bekloppt, denn ständig läuft ihm Rotz aus der Nase, er redet kaum und verhält sich merkwürdig.

Für Freddy und seine Freundesclique – ihr Anführer heißt Leonhard – ist Günter ein ideales Opfer. Wo immer es geht, lassen sie ihn spüren, dass sie ihn für dumm halten und spielen ihm übel mit. Eines Tages stecken sie Günter unter eine umgekippte schwere Eisen-Lore, die beim Torfabbau verwendet wird, und bewerfen diese mit Steinen. Der Lärm unter der Lore ist kaum auszuhalten, und als Günter schließlich herauskommt, ist er vollends verstört.

Doch Freddy und seine Freunde bekommen Angst: Was ist, wenn Günter sie verpetzt? Dass Günter von anderen Jungen gequält wurde, hat im Dorf bereits die Runde gemacht – bisher hat Günter aber nicht preisgegeben, wer die Täter waren. Die Jungen wissen sich nicht zu helfen, bis Leonhard eine radikale Idee hat: Sie müssen Günter töten, damit er sie nicht verraten kann.

 Bewertung:
„Warum wir Günter umbringen wollten“ ist ein ziemlich heftiges Buch, denn es erzählt davon, wie ein Junge von anderen systematisch und auf üble Art und Weise gequält (heute würde man sagen: „gemobbt“) wird. Wer sich in die Geschichte hineinbegibt, den lässt das Szenario spätestens ab der Mitte des Buches, als der Plan aufkommt, Günter umzubringen, nicht mehr los. Es tut fast weh, den Fortgang der Geschichte weiterzuverfolgen.

Doch auch in der ersten Hälfte des Buchs erzählt Hermann Schulz eine stimmige, wenn auch etwas weniger temporeiche Geschichte. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird ziemlich beängstigend beschrieben: Die Dörfer werden von Flüchtlingen aufgesucht, denen die Menschen nur begrenzt trauen, außerdem kehren unbekannte Männer – völlig am Ende und verschroben wie versehrt – aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Auch die Kinder und Jugendlichen, die in der Zeit aufwachsen, scheinen nicht gerade zartbesaitet zu sein: Leonhard zum Beispiel wird als ein Junge mit großer Wut im Bauch beschrieben, der ständig für Aufregung und Schrecken sorgt. Ihm droht, sollte Günter ihn verpetzen, eine Erziehungsanstalt; und auch Freddy hat Angst, dass er den Bauernhof von Onkel und Tante verlassen muss.

Hermann Schulz gelingt es in seinem Buch sehr gut, diese schwierige Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges einzufangen. Unter einer unbeschwerten Kindheit stellt man sich jedenfalls etwas anderes vor – auch wenn Freddy, der Erzähler, froh darüber ist, dass er bei Tante und Onkel untergekommen ist und sich glücklicher als zuvor bei seinen Eltern fühlt.

Erzählt wird die Geschichte stringent von Anfang bis zum Ende, ohne Zeitsprünge oder Perspektivenwechsel. „Warum wir Günter umbringen wollten“ könnte man somit als im positiven Sinn altmodisches Buch charakterisieren, das sich auf das Wesentliche konzentriert und dramaturgisch geschickt aufgebaut ist. Dass Freddy irgendwann Günter auch alleine begegnet und feststellt, dass der Junge nicht so dumm ist, wie alle meinen, sondern durchaus intelligent, ja, sympathisch, vergrößert Freddys Gewissensnot. Einerseits will er bei seinen Freunden anerkannt bleiben, andererseits weiß er genau, dass das, was die Jungen vorhaben, nicht richtig ist. Auch für den Leser wird die Geschichte dadurch drängender.

Illustriert wurde „Warum wir Günter umbringen wollten“ von Maria Luisa Witte, und letztendlich passen die eher farbarmen und düster gehaltenen Bilder mit ihren dicken Pinselstrichen gut zur Geschichte. Immer wieder sind in den Text auf Doppelseiten Illustrationen eingestreut – was einen da erwartet, zeigt das Titelcover ganz gut … Trotz der Passung zwischen Text und Illustration: Mir persönlich gefällt dieser Illustrationsstil nur begrenzt. Wie soll ich es ausdrücken? Ich finde ihn etwas altmodisch und hausbacken, und ich fürchte, Kindern und Jugendlichen geht das nicht anders.